Flüchtlings-Auffangzentrum in Ter Apel

Projekt    Slideshow    Projektdaten
Optimale Aufenthaltsqualität trotz begrenzter Mittel
Am 19. April 2017 hat Jan Kees Goet, Generaldirektor für Immigration des Justizministeriums, den Neubau der Zentralen Auffangstelle für Asylbewerber (niederländisch „COA“ für Centraal orgaan Opvang Asielzoekers) in Ter Apel eröffnet. Der veraltete Komplex hat Platz gemacht für eine neue Bebauung, die Unterbringungsmöglichkeiten für bis zu 2.000 Asylbewerbern ermöglicht. Damit ist das COA in Ter Apel das größte permanente Aufnahmezentrum der Niederlande. Das Bauunternehmen BAM Bouw en Techniek und De Zwarte Hond erhielten Ende 2014 im Rahmen einer europäischen Ausschreibung den Auftrag nach dem sogenannten Design-Build-Maintain-Konzept (DBM). FELIXX verstärkt das Team als Landschaftsarchitekt, BAM Infra Wegen sowie BAM Infra Energie en Water vervollständigen das Team. Durch intelligente Geländeorganisation, sorgfältige Entwurfsausarbeitung sowie mittels effizienter Baumethoden ist es gelungen, innerhalb der eng gesteckten Anforderungen an eine einfache und zweckmäßige Ausführung, ein nachhaltiges Asylzentrum mit optimaler Aufenthaltsqualität zu realisieren. Das Konstruktionskonzept mit einem hohen Grad an vorgefertigten Bauteilen ermöglichte die kurze Planungs-und Bauzeit von insgesamt weniger als 2,5 Jahren.

Das Asylzentrum Ter Apel liegt im Norden der Niederlande und in einiger Entfernung von den umliegenden Ortschaften und Städten. Daher wurde es als eigenständiges Dorf konzipiert, das neben den Wohnunterkünften auch mit allen erforderlichen Einrichtungen und Angeboten ausgestattet ist. Alle 258 Erdgeschoß- und Obergeschoßwohnungen sind in acht eigenständigen Nachbarschaften um einen parkartigen Grünstreifen gruppiert, in dem die zentralen Einrichtungen angeordnet sind.

Lebensqualität, Sicherheit und Übersichtlichkeit standen bei der Entwurfsgestaltung im Vordergrund. Durch die geschickte Anordnung der Nachbarschaften und Gebäude wurde mehr Raum zwischen den Unterkünften geschaffen. Dies bietet zum einen mehr Privatsphäre für die Bewohner und „entspannt“ die hohe Dichte auf dem Gelände. Zum anderen entspricht dies einem landschaftsplanerischen Gesamtkonzept, das den Bewohnern die Orientierung in einem unbekannten Gebiet leicht macht. Räumliche Elemente und Strukturen leiten die Asylbewerber über die öffentlichen Plätze zu den gemeinschaftlichen Bereichen, und von dort zu ihrer jeweiligen Unterkunft.

„Lebensqualität, Sicherheit und Übersichtlichkeit standen bei der Entwurfsgestaltung im Vordergrund. Durch die geschickte Anordnung der Nachbarschaften und Gebäude wurde mehr Raum zwischen den Unterkünften geschaffen. Dies bietet zum einen mehr Privatsphäre für die Bewohner und „entspannt“ die hohe Dichte auf dem Gelände."

Tjeerd Jellema
Architekt / Partner
Die Eingangssituation des Aufnahmezentrums wird von einem grünen Boulevard geprägt, der entlang der Rezeption zum zentralen parkartigen Grünstreifen führt. Hinter der Rezeption liegt die Grundschule. Das Gebäude ist um einen Spielplatz angeordnet und bietet den Kindern eine eigene, beschützte und geborgene Welt. An diesem sicheren Ort steht die Gewöhnung der Schüler an das niederländische Schulsystem und natürlich das Erlernen der niederländischen Sprache im Mittelpunkt.

Der zentrale Grünstreifen ist das Herz des öffentlichen Lebens, hier liegen die Pavillons, in denen die Serviceeinheiten und die zentralen Einrichtungen untergebracht sind. Außerdem befinden sich hier die Sportanlagen und Spielplätze. Die acht Nachbarschaften sind jeweils an den gegenüberliegenden Seiten der Grünzone angeordnet, ein Platz mit einem Ausgabepavillon markiert jede Nachbarschaft. Jeder Platz mit Pavillon ist individuell entworfen und dient gleichzeitig als Orientierungs- und Treffpunkt sowie als Ort zum Verweilen.
Die Wohnunterkünfte sind um grüne Innenhöfe gruppiert, durch jeweils unterschiedliche Farbgestaltung, Muster und Mauerwerk erhält jede Nachbarschaft eine eigene Ausstrahlung. Auch die Gestaltung der Eingangsbereiche variiert, so ist jede Eingangstür einfach wiederzuerkennen. Um den Eindruck vom „Wohnen im Dorf“ zu verstärken, sind die Wohnungen im Obergeschoß nicht über Laubengängen erschlossen, sondern verfügen über eigene Treppenaufgänge. Vor den Gebäuden befinden sich leicht erhöhte Veranden.

Die Innenhöfe sind individuell gestaltet und bieten neben Sitzplätzen auch Aufenthaltsbereiche mit Kinderspielgeräten. Der zentrale Bereich wurde leicht abgesenkt, um die Privatsphäre im direkten Vorbereich der Gebäude zu verstärken. Zusammen mit dem Höhenunterschied zu den überdachten Veranden wird so die persönliche Raumaneignung durch die Bewohner stimuliert. Den Zonen zwischen den verschiedenen Wohngebieten wurde bewusst keine spezifische Nutzung zugewiesen, mit hohem Gras, gemähten Wegen und Bäumen bieten sie Raum für Ruhe und Besinnung.
Ter Apel ist der erste Wohnort für Ausländer, die in den Niederlanden Asyl beantragen möchten: in dem sogenannten COL (niederländ. Abkürzung für zentraler Ankunftsort). Neben dem COL befinden sich in Ter Apel drei weitere Aufnahmezentren: die sogenannte POL, für Asylbewerber während des laufenden Asylverfahrens, die sogenannte VBL für abgelehnte Asylbewerber, die hier unter strengen Regeln auf die Rückkehr in ihr Heimatland vorbereitet werden, sowie die sogenannte AMV, die Aufnahmestelle für unbegleitete minderjährigen Flüchtlinge. Die Asylbewerber werden in Acht-Personen-Wohnungen untergebracht und bleiben dort durchschnittlich drei bis vier Wochen. Da das Aufnahmezentrum in Ter Apel eine dauerhafte Einrichtung darstellt, konnte es sowohl unter Berücksichtigung der Bedürfnisse dieser besonders verletzlichen und entwurzelten Zielgruppe als auch hinsichtlich Nachhaltigkeit und Nutzungsabläufen optimal entworfen werden. Der Entwurf ist so flexibel, dass die Wohnunterkünfte je nach Bedarf für Gruppen von Asylbewerbern in unterschiedlichen Antragsstadien genutzt werden können.

Acht Nachbarschaften mit 248 Wohnungen, acht Wäsche-/Ausgabegebäude, zwei Verwaltungsbereiche, ein Gesundheitszentrum, eine Grundschule und drei Aufenthaltsgebäude wurden in nur 1¾ Jahren realisiert.

Der Neubau der Zentralen Auffangstelle für Asylbewerber in Ter Apel wurde vom Bauunternehmen BAM in sehr kurzer Bauzeit realisiert, währenddessen konnten die noch existierenden Abschnitte des alten Zentrums weiter genutzt werden. Durch den Einsatz von Systembauweisen und besonders effiziente Baumethoden, einer ausgeklügelten (LEAN)Planung sowie eines umfassenden integralen Planungsansatzes konnte der in Phasen ausgeführte Bau in weniger als zwei Jahren umgesetzt werden. Acht Nachbarschaften mit 248 Wohnungen, acht Wäsche-/Ausgabegebäude, zwei Verwaltungsbereiche, ein Gesundheitszentrum, eine Grundschule und drei Aufenthaltsgebäude wurden in nur 1¾ Jahren realisiert, einschließlich des sukzessiven Abbruchs des bestehenden Zentrums sowie der kompletten Neueinrichtung sowohl der unterirdischen und als auch der oberirdischen Infrastruktur. BAM techniek entwickelte dabei u.a. für die Wohngebäude ein spezielles kombiniertes Haustechnikmodul (Skid) für unterschiedliche Energienutzungen. Dieses Skid wird unter definierten, gleichbleibenden Bedingungen vorgefertigt, mit diesem Herstellungsverfahren wird technisch höchste Qualität garantiert. Auf der Baustelle können die Skids auf den Dachböden der Häuser platziert werden. So kann unter hohem Zeitdruck und gleichzeitig mit geringen Ausfallkosten gebaut werden. Die Skids sind von außen zugänglich. So können zukünftige Wartungsarbeiten ohne Störung der Bewohner durchgeführt werden.
Der Status einer Dauereinrichtung ermöglichte beim Neubau des Asylzentrums Ter Apel die Anwendung nachhaltiger Methoden und Technologien für die mittel- und langfristige Nutzung. Der niederländische Energieverbrauchskennwert (EPC) der Wohngebäude ist 0, somit sind sie als energieneutral einzustufen. Erreicht wird dies durch den Einsatz hochwertiger Isolierung, Wärmerückgewinnung mit hohem Wirkungsgrad, Betonkernaktivierung, Sonnenkollektoren auf allen Dächern sowie den weitgehenden Einsatz von vorgefertigten Bauteilen. Der Entwurf des Komplexes erreicht somit eine Energieeffizienzklasse von A++++. In den ersten Jahren wird noch mit Gas geheizt. Anschließend ist der Umstieg auf all-electric, also die Nutzung von ausschließlich erneuerbarem Strom, problemlos möglich. Das Haustechnik-Skid ist auch hierfür bereits ausgelegt.

Projektdaten

Projekt
Flüchtlings-Auffangzentrum in Ter Apel

Standort
Ter Apel, Niederlande

Umgebung
Asylzentrum mit 258 Wohnungen, Büros, Gesundheitszentrum, Gemeinschaftseinrichtungen sowie einer Grundschule mit Sporthalle

Auftraggeber
Centraal Orgaan opvang asielzoekers (COA)

Projektpartner
Felixx

Zeitraum
2014 - 2016

Umfang
120.000 m2

Besonderheiten
Design, Build and Maintain contract

Abbildungen
ScagliolaBrakkee, Pit Film

Erfahren Sie mehr?

Tjeerd Jellema
Tjeerd Jellema
Architekt
E-Mail
LinkedIN

Verwandt

Alle Projekte